Geteilte Industrie: Arbeitsplätze schwinden, während Rüstung und Energie an der Börse glänzen
Industrie schrumpft, Rüstung und Energie treiben die Märkte
Der DAX liegt kaum unter seinem Rekord, doch unter der Oberfläche zeichnen sich zwei gegensätzliche Geschichten der deutschen Industrie ab. Während Unternehmen aus Energieinfrastruktur und Verteidigung Kursrekorde feiern, verzeichnen klassische Zulieferer und die Autoindustrie anhaltende Arbeitsplatzverluste.
Eine aktuelle Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft weist die Industrie-Beschäftigung für 2025 mit nur noch 6,6 Millionen Menschen aus und damit auf den niedrigsten Stand seit einem Jahrzehnt. Allein die Metall- und Elektrobranche hat seit 2019 rund 320 000 Stellen abgebaut, 103 000 davon entfielen auf den Jahresvergleich im April 2026. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung führt einen Teil dieser Entwicklung auf gestiegene Kreditkosten zurück: Zwischen 2022 und 2025 stehen rechnerisch 107 000 verlorene Stellen im Zusammenhang mit höheren Finanzierungsaufwendungen.
Für Anleger bedeutet das: Viele Verluste sind strukturell, nicht nur zeitlich begrenzt. Höhere Finanzierungskosten wirken langfristig und sind nicht automatisch mit einer einzelnen Zinssenkung ausgeglichen.
Zwei Sektoren dominieren die Rallye
Gegen diesen Trend setzen Aktien aus den Bereichen Energieinfrastruktur und Verteidigung bemerkenswerte Kursgewinne. Siemens Energy liegt aktuell bei rund 165 € und steht binnen zwölf Monaten etwa 70 Prozent höher. Rheinmetall erholte sich nach seinem Tief erheblich und zeigte in einzelnen Zeitfenstern starke Anstiege, bleibt aber aufgrund früherer Schwäche volatil. Konkrete Meldungen, etwa Aufträge für Satellitenprojekte oder Hochstufungen bei Stahlwerten, befeuern einzelne Titel zusätzlich.
Die Börse spiegelt damit die Erwartung wider, dass europäische Aufrüstung und der Umbau der Energieinfrastruktur zu verlässlichen Wachstumsfeldern werden. Für viele Investoren heißt das: Selektive Einzelwertstrategien sind derzeit erfolgversprechender als breite Industrieexposure, das Gewinne verwässern könnte.
Autoindustrie und globale Konkurrenz als Sorgenkind
Die Automobilbranche droht durch verpasste Strukturwandelmaßnahmen Milliarden an Wertschöpfung zu verlieren. Eine Deloitte-Analyse rechnet mit einem Verlust von 100 bis 150 Milliarden Euro bis 2030. Chinesische Hersteller gewinnen Anteile auf dem europäischen EV-Markt, ihr Anteil stieg binnen eines Jahres deutlich, und zugleich stammen inzwischen rund 77 Prozent der Batteriezellen aus Asien. Wo Wertschöpfungsketten in Europa entstehen, gewinnt die Industrie Boden; wo sie global fragmentiert bleibt, gibt es Marktanteile an Wettbewerber ab.
Demografie und KI: Bremse und Hoffnung zugleich
Ein zusätzliches strukturelles Problem ist die demografische Entwicklung. Das potenzielle Arbeitskräfteangebot in Deutschland hat 2026 den Höhepunkt überschritten und sinkt leicht, woraus McKinsey ein jährliches Wachstumsdämpfungspotenzial von rund 0,7 Prozentpunkten ableitet. Gleichzeitig gilt Künstliche Intelligenz als möglicher Ausgleich: Studien sehen bis 2030 ein Zusatzwachstum von rund 265 Milliarden Euro, das die Lücke zumindest teilweise schließen könnte. Welche Berufe und Regionen das meiste Risiko tragen, bleibt jedoch eine grundsätzlich politische und wirtschaftsstrategische Frage.
Bau- und Immobiliensektor mit vorsichtiger Erholung
Der Wohnungsbau zeigt erste Stimmungsaufhellungen, das ifo-Geschäftsklima im Wohnungsbau verbesserte sich leicht, und die Baugenehmigungen stiegen in den ersten fünf Monaten 2026 um 15,4 Prozent auf 104 700 Wohnungen. Doch die Stornoquote nahm zu, von 11,4 auf 13,1 Prozent, was signalisiert, dass genehmigt noch nicht gleich gebaut heißt und Finanzierungsprobleme Projekte gefährden können. Aktien wie die von Vonovia spiegeln diese Zurückhaltung wider und notieren weiterhin deutlich unter Vorjahresniveau.
Fazit
Die deutsche Hard-Asset-Wirtschaft ist heute keine einheitliche Anlageklasse mehr, sondern zwei gegenläufige Geschichten unter einem Dach: Auf der einen Seite Sektoren mit aktiver Umkehr zu eigener Wertschöpfung wie Energieinfrastruktur und Verteidigung; auf der anderen Seite Branchen, die unter Finanzierungskosten, globalem Wettbewerbsdruck und schrumpfendem Arbeitskräfteangebot leiden. Diese Trennlinie ist kein kurzfristiger Effekt, sondern das Ergebnis von Zinsniveau, Demografie und globaler Wertschöpfungsverteilung. Anleger sollten die Rotation genau beobachten und gegebenenfalls auf selektive Positionen statt auf breite Industrieallokationen setzen.
Für die kommenden Wochen bleibt insbesondere die Frage, ob die Marktrotation anhaltend ist oder makroökonomische Signale und steigende Stornoquoten die Stimmung insgesamt dämpfen. Zudem rückt die Notenbanktagung in Jackson Hole in den Fokus, deren Zinsausblick für eine bereits von Kreditkosten belastete Industrie entscheidend sein dürfte.
Herzlichst,
Eduard Altmann
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