Stromrevolution in Sicht: Energieexperten sehen Preise auf ein Minimum sinken
Strom könnte bald so günstig werden, dass er faktisch nichts mehr kostet
Die Energieversorgung befindet sich an der Schwelle zu einem tiefgreifenden Wandel. Politikwissenschaftler und Energiewende-Aktivist Dr. Wolfgang Gründinger skizziert das Bild einer Terawatt-Gesellschaft, in der dezentrale Solar- und Windkraft, intelligente Netze und Speichersysteme zusammen dafür sorgen, dass Strom preiswert, zuverlässig und nahezu emissionsfrei verfügbar ist.
Im Kern steht die Verlagerung von wenigen großen Kraftwerken hin zu Millionen kleinerer Erzeuger und Speichereinheiten. Solaranlagen auf Dächern, Nachbarschaftsbatterien, Elektrofahrzeuge mit bidirektionalem Laden und virtuelle Kraftwerke bilden ein flexibles System, das Überschüsse puffert und bei Bedarf wieder einspeist. Das reduziert Engpässe und senkt Marktpreise in Phasen hoher Erzeugung deutlich.
Ein konkretes Beispiel ist die Rolle von Elektroautos: Laden die Fahrzeuge bevorzugt in Zeiten hoher Solar- oder Windproduktion, sinkt die Nachfrage nach teurem Spitzenstrom. Bei Vehicle-to-Grid kann Strom zudem zurück ins Netz fließen und so zur Netzstabilität beitragen. Schätzungen zufolge könnte eine stark gewachsene deutsche E-Auto-Flotte eine Speicherleistung von rund 700 Gigawattstunden erreichen, wenn etwa 15 Millionen Fahrzeuge bidirektional nutzbar wären.
Deutschlandweit sind bereits nennenswerte Speicherkapazitäten vorhanden: Privathaushalte haben nach aktuellen Berechnungen mehrere zehn Gigawattstunden an Batterien installiert, meist in Kombination mit Photovoltaik. Zusammen mit großen Wind- und Solarparks sowie wenigen flexiblen Gaskraftwerken ergibt sich das Potenzial für ein robustes, kostengünstiges Energiesystem.
Der Weg dorthin ist allerdings politisch und organisatorisch anspruchsvoll. Gründinger betont die Notwendigkeit konsequenter Digitalisierung, schnellerer Genehmigungsprozesse, flächendeckender Smart Meter und marktorientierter Regelungen, damit virtuelle Kraftwerke und dezentrale Angebote wirklich skaliert werden können. Bürokratische Hürden und unklare Marktregeln bremsen derzeit noch den schnellen Ausbau.
Außerhalb Europas zeigen Beispiele aus Kalifornien, Texas und Australien, wie Batteriesysteme Erzeugungsspitzen abfangen und Versorgungslücken schließen. Ebenso eröffnen dezentrale Konzepte in Teilen Afrikas sowie in Ländern wie Indien Möglichkeiten für einen raschen Zugang zu Strom ohne traditionelle Großinfrastruktur.
Gründinger zieht daraus eine optimistische Schlussfolgerung: Es braucht keinen einzigen Durchbruch in der Physik, sondern die konsequente Nutzung bekannter Technologien und kluge politische Weichenstellungen. Gelingt das, könnte Energie zu einer Plattform für neues Wirtschaftswachstum, bessere Versorgungssicherheit und sinkende Ausgaben für Energieimporte werden.

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